Zusammenfassung und Erläuterung der Lektüren:

  • Antigone (Sophokles)
  • Die Berliner Antigone (Rolf Hochhuth)
  • Emilia Galotti (G. E. Lessing)
  • Die Leiden des jungen Werther (Johann Wolfgang Goethe)
  • Stier (Ralf Rothmann)
  • Graf Öderland (Max Frisch)

Diese sechs Lektüren haben, obwohl sie in völlig verschiedenen Zeiten und unter gänzlich anderen Umständen spielen, eines gemeinsam: Alle Charaktere haben Probleme mit der Gesellschaft. Dies führt sogar in den meisten Fällen (Die Leiden des jungen Werther, die Berliner Antigone, Antigone, Emilia Galotti) zum Tod der Hauptfiguren, die sich entweder, wie Werther selbst umbringen, sich wie Emilia Galotti töten lassen, oder wie Antigone und die Berliner Antigone Anne von der Staatsführung, gegen die sie sich aufgelehnt haben, hingerichtet werden. Die zumeist jungen Menschen suchen nach ihrem Platz im Leben und in der Gesellschaft, den sie häufig nicht finden können.

In Antigone und der Berliner Antigone fallen die Hauptpersonen, junge Mädchen, der Macht der Obrigkeit zum Opfer. Obwohl die beiden Lektüren in einer völlig anderen Zeit spielen (Antigone im alten Griechenland, die Berliner Antigone im Dritten Reich) haben sie doch die gleichen Motive und ihr Handeln führt letztendlich zum Tod. Beide setzen ihr Leben aufs Spiel, um ihre Brüder zu begraben.

Im weiteren Sinne handeln die Bücher natürlich nicht nur von dem Konflikt einzelner Menschen mit der Obrigkeit, sondern vielmehr von den Problemen der Bürger, mit dem Rechtsystem des Staates, der das Recht der Familie verletzt, wie es in "Antigone"ausgedrückt wird. Die beiden Mädchen versuchen sich darüber hinwegzusetzen. Ihre Ziele, den jeweiligen Bruder zu begraben erreichen sie zwar, für sie selbst nimmt diese Nichtbeachtung der staatlichen Gesetze jedoch ein tragisches Ende. Der Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass Antigone stolz und gefasst ihr Ende erwartet und zu ihrer Tat steht, was man auch an folgender Textstelle erkennen kann, in der Antigone sich an Kreon, den Herrscher wendet: "groß schien dein Befehl mit nicht, der sterbliche, daß er die ungeschriebnen Gottgebote, die wandellosen, konnte übertreffen." (Antigone, S. 22) Dies zeigt auch, dass sie sich an die "wahren" Gesetze, nämlich die der Götter gehalten hat und nur die weltlichen übertrat.

Anne hingegen möchte kurz vor ihrem Tode alles ungeschehen machen, was man folgendem Zitat entnehmen kann: "Sie begriff das Mädchen nicht mehr, das seinen Bruder bestattet hatte, wollte es nicht mehr sein, wollte zurücknehmen. Damit war sie vernichtet." (Die Berliner Antigone, S. 13) Sie resigniert, als sie merkt, dass der nahe Tod unausweichlich ist und gibt sich selbst auf. Dennoch hat sie sehr mutig gehandelt und ihr Leben für einen Toten hingegeben.

Die Auflehnung der Mädchen gegen Gesellschaft und Gesetz hat sie zwar letztendlich nur um ihr Leben gebracht, jedoch haben sie ein Zeichen gesetzt, welches in Antigones Fall auch zu einer anderen Einstellung des Herrschenden, Kreon, führt und er sein Fehlverhalten einsieht. Ihr Tod hat also für die Lebenden etwas bewirkt, während Anne, wie so viele andere in dieser Zeit, hingerichtet wurde, ohne etwas verändern zu können.

In der dritten Lektüre "Emilia Galotti" geht es nicht so sehr um Probleme mit der Obrigkeit, hier spielt eher die Gesellschaft die tragende Rolle. Das Trauerspiel wurde zur Zeit der Aufklärung geschrieben und beschreibt die Probleme eines jungen Bürgersmädchen, dessen Ehre durch die Intrigen eines Prinzen zerstört wird. Emilia möchte den Grafen Appiani, der als Gegenpol zum Prinzen steht, heiraten. Der Prinz jedoch, der selbst in Emilia verliebt ist, lässt ihn umbringen, um die Liebe Emilias zu gewinnen. Er lässt sie auf sein Schloss bringen, versucht sie für sich zu gewinnen. Emilia, die mittlerweile erfahren hat, dass der Prinz der Auftraggeber des Mordes an ihrem zukünftigen Ehemann war, fürchtet, ihre Unschuld zu verlieren. Diese Furcht geht sogar soweit, dass sie ihren Vater bittet, sie umzubringen, was er letztendlich auch tut.Diese Tat zeigt, wie tief verwurzelt das Ehrgefühl der Menschen damals war. Ihre Ehre ist Emilia mehr wert als ihr Leben, was man auch deutlich an folgender Textstelle erkennen kann: "Odoardo: , Was" Dahin wäre es gekommen" Nicht doch; nicht doch! Besinne dich.-Auch du hast nur ein Leben zu verlieren!' Emilia: ,Und nur eine Unschuld!'" (Emilia Galotti, S. 77)

Der Prinz, der die Schicht der Herrschenden repräsentiert, führt seine Staatsgeschäfte äußerst ungern und willkürlich. Er ist an Recht und Gerechtigkeit nicht interessiert und missbraucht seine Macht. Er ist skrupel- und rücksichtslos, egoistisch, selbstsüchtig, listig, hinterhältig, kennt keine moralischen Werte und seine persönlichen Bedürfnisbefriedigung steht für ihn im Vordergrund. Dieses durchweg negative Bild des Prinzen wird so auch auf andere Herrscher übertragen. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben dieser Zeit war geprägt von den Vorstellungen einer höfisch-absolutistischen Welt und einer bürgerlichen Stadtkultur, die meist in einem Spannungsverhältnis zueinander standen, (vergl. "Blickfeld Deutsch" S. 158) was auch in "Emilia Galotti" zum Ausdruck kommt. Die Menschen begannen , sich gegen die Herrschenden aufzulehnen, was man gut an der Aussage des Grafen Appiani, Emilias Verlobten, erkennen kann: "Der Befehl des Herrn?- des Herrn? Ein Herr, den man sich selber wählt, ist unser Herr so eigentlich nicht - Ich gebe zu, daß Sie dem Prinzen unbedingtern Gehorsam schuldig wären. Aber nicht ich. - Ich kam an seinen Hof als ein Freiwilliger. Ich wollte die Ehre haben, ihm zu dienen, aber nicht sein Sklave werden. Ich bin der Vasall eines größeren Herrn-" (Emilia Galotti, S. 33)

Der Tod Emilias löst bei dem Prinzen ein großes Entsetzen und tiefe Verzweiflung hervor. Obwohl das Stück an dieser Stelle endet, ist es durchaus möglich, dass sich die Einstellung des Prinzen zu seinem Volk durch dieses traumatische Erlebnis gewandelt hat und er seine Untertanen nun besser behandelt. Denn gerade in der Zeit der Aufklärung, in der dieses Stück geschrieben wurde, gewann der Mensch und sein Denken zunehmend an Bedeutung. Die Menschen begannen sich für Neues zu öffnen und bestehende Ordnungen und Zustände in Frage zu stellen, was auch in Lessings Drama, vor allem durch die Person des Grafen Appiani zum Ausdruck kommt. So hat auch Emilia indirekt ihre Kritik an der Gesellschaft, in der es möglich ist, dass der Fürst ihr die Ehre nimmt, zum Ausdruck gebracht. Ihr aus der heutigen Sicht sicher schwer zu begreifender Entschluß, sich lieber umzubringen als ihre Unschuld zu verlieren wird vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse verständlicher. In dieser Gesellschaft war die Selbstverwirklichung eines jungen Mädchens aus der bürgerlichen Schicht fast unmöglich, da sie sich aus den Normen und Zwängen nicht befreien konnte.

Die Lektüre "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang Goethe befasst sich ebenfalls mit der Gesellschaft und ihren Vorstellungen. Dieses Buch ist in der Form von Briefen geschrieben, die Werther an einen Freund schickt. In diesen Briefen berichtet er neben seinen alltäglichen Problemen und Erlebnissen vor allem von der Liebe zu Lotte. Da diese jedoch bereits verheiratet ist, hat ihre gegenseitige Liebe keine Zukunft. Zu dieser Zeit war es unmöglich, ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau zu haben und so führt diese unglückliche Liebe schließlich zum Selbstmord, da Werther sieht, dass er es ohne sie nicht aushält. Sein Tod ist ein stummer Hilfeschrei. Er weiß sich nicht mehr anders zu helfen und findet keinen Ausweg. Meiner Meinung nach steigert sich Werther etwas zu tief in seine Gefühle hinein. Diese sehr gefühlsbetonte Art der Briefe, in der Werther seine Liebe, seine Leiden und häufig auch die Natur und ihre Wirkung auf ihn beschreibt, lässt sich wahrscheinlich besser verstehen wenn man den zeitlichen Hintergrund dazu kennt. Goethe schrieb diese Lektüre in der Zeit des "Sturm und Drang", in der neue Freiheit im Denken, Empfinden und Leben gefordert wurde. Die gesellschaftlichen Einschränkungen und die Unmöglichkeit seiner Liebe führten zu Werthers Tod. Sein Verhalten, seine Sentimentalität, seine Empfindsamkeit, seine schwärmerische Art, all dies ist meiner Meinung nach für den heutigen Leser nicht leicht nachvollziehbar. Ein Beispiel dafür ist folgendes Zitat: "Ich bitte dich- Siehst du, mit mit ist´s aus ich trag es nicht länger! (...) sie spielt auf ihrem Klavier mannigfaltige, und all den Ausdruck! All!- all!- (...) Mir kamen die Tränen in die Augen (...)" (Die Leiden des jungen Werther, S. 110)

Werther findet sich in der damaligen Gesellschaft nicht zurecht, er kann beispielsweise nicht begreifen, dass ein Bürgerlicher weniger "wert" sein soll als ein Adliger was man auch an folgender Textstelle erkennen kann, in der sich Werther auf einer Gesellschaft eines befreundeten Grafen befindet: "Ich merkte nicht, daß die Weiber am Ende des Saales sich in die Ohren flüsterten (...), bis endlich der Graf auf mich losging und mich in ein Fenster nahm. - Sie wissen, sagte er, unsere wunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merke ich, Sie hier zu sehn." (Die Leiden des jungen Werther, S. 81/82) Werther fühlt sich bei den einfachen Menschen wohler als in adliger Gesellschaft, da er dort nicht akzeptiert wird, wie er ist, sondern aufgrund seiner nicht-adeligen Herkunft, als minderwertig angesehen wird.

Von den bisher genannten Lektüren unterscheidet sich der Roman "Stier" sehr deutlich, vor allem, weil er in den siebziger Jahren spielt, also schon fast in der Gegenwart. Doch auch heute gibt es ähnliche Probleme wie zur Zeit der Aufklärung oder gar im alten Griechenland. Die Erzählung handelt von einem jungen Mann namens Kai, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und nach seinem Platz im Leben sucht. Seine Eltern sind ihm dabei keine Hilfe: Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter hat einen "Putzfimmel" und kümmert sich nicht um Kais Gefühle. So versucht er aus seiner alten Welt auszubrechen und sich seine eigene Insel zu schaffen. Dies gelingt ihm jedoch bei seiner Maurerlehre, die nur eine Notlösung ist, ebensowenig wie in seinem Freundeskreis was auch durch folgende Textstelle deutlich wird: "Ihr werdet alle als desinfizierte Pantoffelspießer enden, war einer seiner Lieblingssprüche, wenn Pogo und ich genug hatten von seinem klugen Gerede und in die Stadtmitte fuhren, Mädchen jagen." (Stier, S.37)

Er ist sexuell frustiert und versucht, sich sein Dasein mit Alkohol erträglicher zu machen. Er unterdrückt seine Persönlichkeit und verhindert eine eigene Entwicklung. Im Blow-Up, einer berüchtigten Diskothek glaubt er zuerst die wahren Freunde gefunden zu haben, doch auch dies stellt sich als Trugschuß heraus. Diese neuen Bekanntschaften, ebenfalls Randfiguren der Gesellschaft, sind ein Bruch mit seiner bisherigen Lebenswelt. Kai erkennt auch, dass Drogen ihm nichts nützen . Nach diesen Erfahrungen landet er als Pfleger in einem Krankenhaus, wo er sich auch wieder mit seinem alten "Hobby" der Literatur beschäftigt. Dadurch findet er seine wirkliche Bestimmung und wird Schriftsteller.

Kai ist fast der Einzige in diesem Roman, der an seinem Leben nicht scheitert. Seine Bekannten, wie z.B. Ecki, der Besitzer des Blow Up, kommen mit ihrer Situation nicht klar, sind unglücklich und häufig auch realitätsfremd. Sie erkennen ihre Probleme nicht und können so auch nichts dagegen unternehmen. Dies kommt jedoch nicht nur in den Randgruppen vor, in denen Kai verkehrt, auch die �normalen� Bürger, wie Irene Sommer, eine Bekannte von Kai, haben Probleme. Irene ist trotz ihrer äußerlich guten Bedingungen unglücklich, unzufrieden und will ihre Situation nicht wahrhaben. Auch ihr spießbürgerliches Lebenskonzept ist gescheitert, lediglich ihre Fassade bleibt erhalten.

Im Theaterstück "Graf Öderland", das in den fünfziger Jahren spielt geht es auch um einen "Spießbürger" wie Irene Sommer. Dieser tut jedoch etwas gegen die Trostlosigkeit, in der er sich befindet. Allerdings merkt er selbst davon nichts, seine Persönlichkeit ist gespalten. Er greift zur Axt, tötet drei Gendarmen und gewinnt viele Anhänger, die ebenfalls aus dieser Welt der Bürokratie und Ordnung ausbrechen wollen. Man nennt ihn nach einer Sagengestalt Graf Öderland und seine Bewegung wird so mächtig, dass er am Schluß der Lektüre vor die Wahl gestellt wird: Entweder er wird umgebracht, oder er übernimmt die Regierung. Graf Öderland, bzw. der Staatsanwalt, der er im normalen Leben ist, kann sich an nichts mehr erinnern und glaubt, alles sei nur ein Traum gewesen. Die Beweggründe zu seiner Tat kann man sehr gut aus folgender Textstelle entnehmen: "Es gibt Augenblicke, wo man sich wundert über alle, die keine Axt ergreifen. Alle finden sich damit ab, obschon es ein Spuk ist. Arbeit als Tugend. Tugend als Ersatz für Freude. Und der andere Ersatz, da die Tugend nicht ausreicht, ist das Vergnügen. Feierabend, Wochenende, das Abenteuer auf der Leinwand -" (Graf Öderland, S. 9/10). Dieses Stück zeigt deutlich, wie gefangen sich viele Menschen in der Gesellschaft fühlen, in der das Leben freudlos ist, nur der Arbeit dient und es keine Freiheit gibt. Der Versuch des Grafen Öderland, sich daraus zu befreien verkehrt sich ins Gegenteil: Ihm wird die Macht angeboten. Ob er sie annimmt, kommt nicht mehr zum Ausdruck, jedoch kann man erkennen, dass seine Revolte nach Freiheit ins Gegenteil verkehrt wird und er gescheitert ist.

Ich finde, dass es unnötig war, so viele Texte zu lesen, die alle mehr oder weniger die gleiche Aussage haben: Die Gesellschaft ist schlecht, aber ihr könnt nicht daraus ausbrechen. Ich denke nicht, dass es hier in Deutschland heutzutage noch so schlimm ist. Bei den ersten 4 Lektüren waren die Missstände natürlich noch größer, da die Menschen sehr in ihrer Freiheit und Entfaltung eingeschränkt waren. Sicherlich gibt es auch heute noch Probleme und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft, aber nur wenige reagieren darauf so stark wie Kai oder Graf Öderland. Viele Menschen sind doch relativ zufrieden mit ihrem Leben und durch (politische) Mitbestimmung und freie Meinungsäußerung ist es möglich, sein Mißfallen öffentlich bekanntzumachen und etwas zu verändern. Dadurch hat sich vieles verbessert, so dass die Menschen sich meiner Meinung nach in unserer heutigen, immer toleranter werdenden Gesellschaft durchaus wohlfühlen können, auch wenn noch nicht alles so ist, wie man es sich wünscht.


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